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Graeducation: Green Technology in Griechenlands Berufsbildung

Die Handwerkskammer Münster (HWK Münster) führt seit 2017 das erfolgreiche Berufsbildungsprojekt ‘Graeducation‘ in Griechenland durch. Sabine Heine, Projektleiterin für Graeducation beim HBZ Münster, berichtet über die Erfahrungen im Projekt. Sie erläutert, wie die Zusammenarbeit verlaufen ist, was im Projekt bisher erreicht wurde und welche Voraussetzungen ein Folgeprojekt notwendig sind.

1) Wie ist das Projekt Graeducation entstanden und welche Ziele verfolgt es?

In Griechenland gibt es großen Bedarf an Green Technology, der auch Anpassungen im Bildungssystem erfordert.

Unser Graeducation-Lead-Partner FIAP (Forschungsinstitut für innovative Arbeitsgestaltung und Prävention e.V. Gelsenkirchen) ist in internationalen Projekten sehr aktiv und erfahren. Über die langjährige Zusammenarbeit zwischen dem Wissenschaftspark Gelsenkirchen, wo FIAP sitzt, und unserem HBZ kamen wir mit FIAP ins Gespräch zu Griechenland und konnten uns auf eine Partnerschaft in Graeducation verständigen. Den Rahmen des Projekts setzt ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zur Internationalisierung der Berufsbildung.

Ziel des Projekts Graeducation ist es, Bildungsdienstleistungen zu erforschen, zu entwickeln und zu erproben, die zur Verbesserung der Ausbildung umwelttechnischer Berufe in Griechenland beitragen.

 

2) Welche Hürden mussten im Rahmen der Entscheidungsfindung zu Projektbeginn überwunden werden?

Die Projektidee versprach bei Antragstellung in Griechenland großes Potenzial. Allerdings hatten sich die politischen Rahmenbedingungen zu Projektbeginn so verschoben, dass das griechische Bildungsministerium, das ursprünglich ein zentraler Partner sein sollte, wenig Interesse an einer Zusammenarbeit signalisierte. Letztlich dauerte der Prozess der Partnerfindung und Themenumgrenzung zu Projektbeginn mit mehreren Monaten länger als erwartet.

 

Technische BerufsorientierungTechnische Berufsorientierung

3) Wer waren Ihre maßgeblichen Unterstützer im Projekt?

Zum Gelingen von Graeducation haben viele verschiedene Partner beigetragen. Die Projektpartner in Griechenland waren neben der griechischen Arbeitsagentur OAED (zuständig für EPAS-Berufsschulen) insbesondere die Auslandshandelskammer als Vor-Ort-Vermittler und Türöffner, die Deutsche Botschaft, die Deutsche Schule Athen, sowie das IEP, das griechische Berufsbildungsinstitut. Außerdem haben uns im Endeffekt die ICON- Group – eine Vorreiterfirma im Bereich Bau und Sanitär- Heizungs- und Klimatechnik (SHK) und Mitglied der griechischen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen – und die Stiftung Winds of Renewal weitere Zielgruppen zugänglich gemacht.

 

4) Welche Bedeutung hat das Handwerk in Griechenland?

Handwerk ist in Griechenland ein breiter Wirtschaftssektor, allerdings mit vornehmlich kleinen bis Kleinstfirmen mit ein bis drei Beschäftigten.

Der Bereich Handwerk ist in geringem Maße institutionell organisiert – es gibt nur wenige Handwerkskammern und auch kaum spezielle handwerklich ausgerichtete Bildungsstätten. Kammern stehen in Griechenland gleichzeitig für Handel, Handwerk und Industrie.

Etwas Vergleichbares wie die Deutsche Handwerksordnung gibt es in Griechenland nicht.

 

TtT Lehrgang Elektrotechnikfachkraft
Train-the-Trainer-Lehrgang Elektrotechnikfachkraft

5) Die Qualitätsstandards der internationalen Berufsbildung im Handwerk sind sehr hoch. Wie gelingt die Umsetzung/Anpassung im Spannungsfeld deutscher Qualitätsstandards und lokaler Rahmenbedingungen und wie gehen Sie dabei vor?

Nur ein kleiner Teil der griechischen Betriebe sah bis vor kurzem die Notwendigkeit, die Berufsausbildung mitzugestalten. Seit dem Regierungswechsel im vergangenen Juni hat sich in Griechenland viel zum Positiven verändert: Während vorher die Syriza-Regierung dieses Mitgestalten zusätzlich erschwerte, bemüht sich die aktuelle Regierung darum, die Unternehmen zur Zusammenarbeit zu motivieren und regelt auch gesetzlich viele Dinge neu.

Im Bereich der EPAS-Ausbildung sind neben den Berufsschulen des OAED auch Betriebe involviert, die jeweils halbtags den praktischen Anteil der Ausbildung gestalten. Da es aber für die betriebliche Ausbildung noch gar keinen Ausbildungsrahmenplan gibt, hat sich unser Projekt zunächst auf den Berufsschulteil der Ausbildung konzentriert. Hier konnten wir ein bestehendes Curriculum erneuern und den Transfer der Neuerungen in den Berufsschulunterricht mit entsprechenden Train-the-Teacher-Lehrgängen befördern.

 

6) Wo liegen die größten Hürden? Wo sehen Sie bislang die größten Herausforderungen?

Die größten Schwierigkeiten entstanden durch Verzögerung der Planungen infolge längerer Phasen der politischen Ungewissheit und Lähmung der Entscheidungsfindung, insbesondere durch das Bildungsministerium der Vorgängerregierung.

Damit einhergehend bremste ein häufiger Wechsel der Zuständigkeitsbereiche und der Akteure auf griechischer Seite die angedachten Aktivitäten.

 

7) Welche Erfahrungen haben Sie im Projekt mit den SCIVET-Instrumenten gemacht?

Nach Halbzeit unseres Projekts standen uns auch die frisch fertiggestellten SCIVET-Instrumente zur Verfügung, sodass wir im Nachhinein teilweise die bereits getanen Schritte mit den SCIVET-Standards abgleichen konnten: Vieles davon hatten wir bei unserer Recherche und Annäherung an die griechischen Rahmenbedingungen berücksichtigt, die systematische Herangehensweise und Detailtiefe der SCIVET-Instrumente hat uns dabei überzeugt.

Die SCIVET-Instrumente waren daher für uns eine sehr nützliche Referenz um abzugleichen, ob von uns alle im griechischen Kontext relevanten Schritte berücksichtigt wurden.

 

GirlsDay
GirlsDay: Jugendliche im Gespräch mit Dr. Klaus Landrath

8) Berufliche Bildung ist ein wirksames Instrument gegen Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel und eine wichtige Voraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit von Betrieben. Wie könnte sich das aktuelle Projekt weiterentwickeln und wie könnte die Zusammenarbeit zukünftig gestaltet werden?

Es gibt in Griechenland einen großen Wissens- und Qualifikationsbedarf in Bezug auf nachhaltiges Bauen, während es bei uns in Deutschland darum geht, vorhandenes Wissen noch weiter zu verbreiten.

Für beide Anliegen müssen praktikable Konzeptionen gefunden werden, die auf eine große Akzeptanz insbesondere bei Bauherren stoßen. Das erfordert einerseits die Verbesserung der Qualifikation der Fachkräfte und andererseits viel Überzeugungsarbeit.

 

9) Was sind die wichtigsten bisherigen Ergebnisse des Projektes?

Im Rahmen der inzwischen dreijährigen Zusammenarbeit wurde vieles erreicht:

  •             Ein neues Curriculum Elektrotechnikfachkraft
  •             Verschiedene Train-the-Trainer-Lehrgänge (TtT)
  •             Eine Weiterbildung für SHK-Installateure
  •             Verschiedene Berufsorientierungsveranstaltungen für Schüler und Trainings dazu für  Lehrer
  •             Eine Großveranstaltung Girls-Day

Darüber hinaus wurde in der bisherigen deutsch-griechischen Projektpartnerschaft ein sehr gut funktionierendes Netzwerk aufgebaut. Ein Ergebnis daraus ist auch die von den Projektpartnern gemeinsam erarbeitete, transferorientierte Veröffentlichung TRANSITION

Außerdem fungiert Graeducation auch bildungspolitisch als Impulsgeber für neue Themen in der Berufsbildung und gestaltet den Round Table zur Beruflichen Bildung der Deutschen Botschaft sowie die deutsch-griechische Berufsbildungszusammenarbeit seitens des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) aktiv mit.

Graeducation-Projektteam bei Kooperation mit TU AthenProjektteam bei Kooperation mit TU Athen

10) Welche Interessen hat Ihre HWK an dieser Zusammenarbeit? Welchen Nutzen ziehen Sie aus dem Projekt? Wie offen sind Sie für künftige Projekte.

Die für Griechenland konzipierten neuen Lehrgänge fokussieren insbesondere Innovationsthemen: im Ergebnis stehen Überarbeitungen, die auch im Weiteren bei uns in Deutschland einsetzbar sind. Im Rahmen des Projekts wurden und werden innovative Themen und Inhalte bearbeitet, deren Aufbereitung und Aktualisierung sowohl auf griechischer als auch auf deutscher Seite hohe Relevanz für die berufliche Bildung haben.

Für weitere Kooperationen könnte daher der Schwerpunkt auf Neuentwicklungen in Bereichen liegen, in denen auch bei uns der Innovationsdruck sehr hoch ist, z. B. Klimaschutz- und Klimaanpassungsthemen, Nachhaltiges Bauen, Didaktik mit digitalen Lerneinheiten, Webinare, Augmented Reality-Supplements etc.

Während wir unsere Arbeit als Handwerkskammer im Graeducation-Projekt nur zu 80% refinanziert bekommen haben, bräuchten wir für solche Leistungen in Zukunft eine Vollfinanzierung. Das ist vom Fördergeber für das Folgeprogramm auch angedacht. Zusätzlich würden wir darauf achten, dass für griechische und deutsche Partner eine Win-Win-Situation entsteht und unsere Handwerkskammer für die Arbeit hier vor Ort eindeutige Benefits erzielt. Das sind wir unseren Mitgliedsbetrieben schuldig.

Sabine Heine
Projektleiterin Graeducation beim Handwerkskammer Bildungszentrum (HBZ) der HWK Münster

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