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Brücken bauen zwischen Stuttgart und dem Kosovo: Berufsbildung, Wirtschaft und Diaspora im Austausch

Die Handwerkskammer Region Stuttgart engagiert sich seit rund drei Jahren im Kosovo – von der Geschäftsanbahnung über die Bereitstellung von KfZ-Lehrfahrzeugen bis hin zur Ausbildung von Ausbildern. Im Gespräch mit Sophia Grunert erläutern Anette Groschupp, Jannik Clauß und Christian Binnig, wie das Stuttgart Kosovo Action Committee Wirtschaft, Politik, Zivilgesellschaft und die kosovarische Diaspora zusammenbringt, welche Rolle das Engagement beim Aufbau dualer Berufbildung im Kosovo spielt – und welchen Nutzen beide Seiten daraus ziehen.

Das Interview wurde am 26. August 2026 geführt.

Die HWK Region Stuttgart engagiert sich im Kosovo auf ganz unterschiedliche Weise. Anette, kannst du einen Überblick über die verschiedenen Bestandteile dieses Engagements geben?

Anette Groschupp: Sehr gerne. Unser Engagement im Kosovo hat im Kern ein Ziel: Wir wollen dort die berufliche Bildung und die Zusammenarbeit ganz speziell im Handwerk stärken und gleichzeitig Brücken bauen zwischen dem Kosovo und der Region Stuttgart. Es geht dabei gar nicht so sehr um einzelne Projekte, sondern um unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit. Dazu gehört, dass wir uns mit den Partnern vor Ort austauschen, Gespräche mit verschiedenen Institutionen führen, aber auch mit Unternehmen – und dass wir uns an entsprechenden wirtschaftlichen und beruflichen Austauschformaten vor Ort beteiligen. Ein schönes Beispiel ist das German Kosovo Economic Forum am 28. und 29. Oktober in Pristina, ausgerichtet von der Kosovarisch-Deutschen Wirtschaftsvereinigung. In dem Kontext werden wir bei unseren Unternehmen werben, mit einer Unternehmensdelegation hinreisen und an Kooperationsgesprächen teilnehmen. Wir werden auch im Rahmenprogramm in einem Baden-Württemberg-Spezialraum als Ansprechpartner für unsere Kooperation zu Rede und Antwort stehen.

Ich habe jetzt angefangen und noch gar nicht berichtet, wie unsere Kooperation eigentlich heißt: das Stuttgart Kosovo Action Committee, das wir im Januar dieses Jahres gegründet haben. Gerade heute Vormittag hatten wir eine unserer regelmäßigen Sitzungen, und da war es wieder ganz beachtlich, in wie vielen verschiedenen Kontexten wir schon zusammengearbeitet haben und wo wir überall Anknüpfungspunkte sehen. Das ist wirklich konkrete Zusammenarbeit – erst einmal durch Lernen, Zuhören und Sehen, was einzelne Organisationen tun.

Wo wir ebenfalls zusammenwirken, allerdings hier vor Ort, ist die AMB., die Allgemeine Maschinenbaumesse in Stuttgart. Sie findet Mitte September, vom 15. bis 19. September 2026, statt. Auch zu dieser Gelegenheit wird eine Delegation aus dem Kosovo zu uns reisen, Kooperationsgespräche führen – und wir werden dabei sicherlich den einen oder anderen Unternehmensbesuch hier vor Ort organisieren.

Wie ist diese ganz vielfältige Kooperation entstanden?

Anette Groschupp: Wir sind seit etwa drei Jahren im regen Austausch. Gestartet haben wir damit, dass zwischen Baden-Württemberg und dem Kosovo eigentlich schon sehr lange eine Verbindung besteht, mit dem Handwerk damals aber noch keine Kooperationen geschlossen worden waren. Wir haben dann gesagt: Wir müssen vor Ort schauen, welche Partner für uns geeignet sind und wie wir mit ihnen auf Augenhöhe Projekte vorantreiben können. Relativ schnell haben wir sehr erfolgreiche Netzwerkabende bei uns in der Handwerkskammer organisiert, zu denen auch hochrangige Politikerinnen und Politiker aus dem Kosovo angereist sind, zum Beispiel die Außenwirtschaftsministerin. Das hat für viel Sichtbarkeit gesorgt. Daraus haben wir gemeinsam mit dem kosovarischen Konsulat in Stuttgart gesagt: Lasst uns mehr daraus machen, lasst uns mehr Partner mit an Bord holen – alle, die aktiv sind und Interesse an der Kooperation und am gemeinsamen Netzwerken haben. Natürlich hat jeder eigene Themenkomplexe und ist in andere Systeme eingebunden. Wir haben zum Beispiel auch Partner aus dem Enterprise Europe Network dabei, die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) natürlich, die Kosovo Chamber of Commerce (KCC) und eben auch Ministeriumsvertreterinnen und -vertreter auf beiden Seiten.

Impressionen der Treffen des Stuttgart Kosovo Action Committee. Alle Bilder: HWK Region Stuttgart

In Baden-Württemberg leben rund 93.000 Menschen mit kosovarischer Staatsbürgerschaft, gut 4.000 davon allein in der Stadt Stuttgart, wie Daten des Statistischen Bundesamts zeigen. Welche Rolle spielt diese kosovarische Diaspora in der Region Stuttgart für euer Engagement?

Anette Groschupp: Sie spielt eine sehr große Rolle, weil in dieser kosovarischen Community ein ganz hoher Anteil an Unternehmen zu finden ist – natürlich viele Bauunternehmen, aber auch in anderen Handwerksbereichen. Das war eines unserer ersten Learnings beim ersten Netzwerkabend, zu dem wir auch unsere Mitgliedsbetriebe eingeladen hatten: Die Betriebe waren unheimlich erfreut und gespannt, was aus diesem Netzwerk entstehen kann, weil sie sehr stark an Netzwerkaktivitäten interessiert sind. Die Kosovaren gehen in der Regel im Sommer zurück in ihre Heimat und sind nicht nur familiär, sondern auch sehr stark in geschäftlichen Kontexten verbunden. Diese Diaspora möchten wir gerne als Brücke nutzen – einmal für Geschäftstätigkeiten unserer Unternehmen, aber natürlich auch andersherum für Geschäftskontakte, die für kosovarische Unternehmen in Deutschland interessant sein könnten.

Was sind die wichtigsten bisherigen Ergebnisse der Kooperation?

Jannik Clauß: Neben den strukturellen Verbindungen, die Anette schon genannt hat und die geschaffen beziehungsweise wiederbelebt wurden – diese Verbindungen haben früher schon existiert, und ich glaube, wir haben einen guten Beitrag dazu geleistet, sie wieder aufleben zu lassen –, fokussiere ich mich kurz auf die Bildungsseite; über Geschäftsanbahnung und Außenwirtschaft hat Anette schon einiges gesagt. Wir konnten in der kurzen Zeit schon einige Aktivitäten durchführen. Alles braucht seinen Vorlauf; man muss geduldig sein – das ist vielleicht das erste Learning bei der Anbahnung solcher Kooperationen.

Wir haben es geschafft, KfZ-Lehrmaterial aus unserer Bildungsakademie in einem allerersten Schritt in eine Schule in den Kosovo zu bringen, damit diese dort mit neuem, vor allem praxisbezogenem Lehrmaterial ausgestattet ist. Die Lehrer kommen im nächsten Monat zu uns und bekommen eine Schulung dafür, denn wir hatten festgestellt: Das Lehrmaterial war da, wurde aber bisher nicht genutzt. Deshalb gehen wir jetzt den zweiten Schritt und schulen die Lehrer, wie dieses Material zu verwenden und gut in den Unterricht zu integrieren ist.

Übergabe der gespendeten KFZ-Lehrmaterialien. Foto: HWK Region Stuttgart
Übergabe der gespendeten KFZ-Lehrmaterialien. Foto: HWK Region Stuttgart

Was ist das für Material – eher Maschinen oder Bücher und Arbeitsblätter?

Jannik Clauß: Das sind Fahrzeuge, die speziell für die Lehre in der überbetrieblichen Ausbildung präpariert wurden – bei uns hier in Stuttgart, aber ich vermute, die gibt es auch in anderen Bildungsakademien in Deutschland. Es waren vor allem Verbrenner-Autos, die bei uns nicht mehr dem aktuellsten Stand der Technik entsprachen. Für den Kosovo sind sie – und eigentlich auch darüber hinaus – noch völlig ausreichend. Wir wollten sie nicht wegschmeißen, sondern haben gesagt: Wir machen etwas Gutes daraus und geben sie zur weiteren Verwendung weiter.

Unser zweites großes Projekt, das wir durchgeführt haben beziehungsweise an dem wir noch dran sind, ist eine Ausbildung der Ausbilder – in Deutschland äquivalent zum Teil 4 der Meisterausbildung. Gemeinsam mit der GIZ haben wir einen Kurs zum Ausbilderschein implementiert. Wir haben Multiplikatoren ausgebildet, die in der nächsten Zeit anfangen sollen, selbst betriebliche Ausbilder auszubilden. Auch hier stehen noch Maßnahmen an: Wir haben ein Follow-up geplant, möchten nachschulen, nachfassen – denn erfahrungsgemäß reicht eine einmalige Schulung nicht aus, damit die Teilnehmenden wirklich befähigt sind, diese Kurse selbst sinnvoll durchzuführen und viel bei ihnen hängen bleibt.

Welche Erfahrungen habt ihr bei den Berufsbildungsaktivitäten mit den Ergebnissen aus den SCIVET-Projekten gemacht?

Jannik Clauß: Da das für mich persönlich das erste Bildungsprojekt im Ausland war, bei dem wir einen Kurs konzipiert haben, waren diese Unterlagen für mich vor allem zu Beginn maßgeblich zur Orientierung. Und auch danach: Du hast den Leitfaden für Ausbilder für handlungsorientierte Berufsbildung erwähnt – den hat unsere Dozentin verwendet. Sie hatte ihre eigenen Kursmaterialien, um den Kurs im Kosovo zu konzipieren, und hat den Leitfaden dazu genommen. Damit hat sie ein ganz gutes Bild bekommen, was sinnvoll ist, auch im Kosovo zu implementieren, und was nicht. Vervollständigt wurde das Ganze durch Ergebnisse, die wir im Kosovo in einem Stakeholder-Workshop erarbeitet hatten. Wir hatten also ein gutes Zusammenspiel zwischen den eigenen Unterlagen der Kammer, den SCIVET-Unterlagen und den Ergebnissen aus dem Stakeholder-Workshop – eine sehr gute Orientierung aus allen verfügbaren Materialien.

Welche Hürden habt ihr in eurem Engagement bereits erlebt, und welchen Herausforderungen seht ihr euch noch gegenüber?

Jannik Clauß: Zu den Hürden: Es war an vielen Stellen ein holpriger Beginn. Die Partner müssen sich gegenseitig erst einmal kennenlernen und lernen, miteinander zu arbeiten. Es gibt kulturelle Unterschiede, die man beachten muss – insbesondere, wenn man ein Kursformat plant. In Deutschland lädt man für 9 Uhr zu einem Kurs ein, und alle sitzen fertig da, um zu starten. Im Kosovo lädt man für 9 Uhr ein und plant dann, gegen 9.30 oder 10 Uhr zu starten, wenn sich jeder mit jedem unterhalten hat, jeder eine Tasse Kaffee getrunken hat, jeder noch einmal draußen war, um eine Zigarette zu rauchen, und so weiter. Das sind die kleinen kulturellen Unterschiede, die gerade bei der Implementierung eines Kurses von Anfang an Zeitnot bringen.

Natürlich spielen auch politische Rahmenbedingungen eine große Rolle – insbesondere in einem Land wie dem Kosovo, in dem wir die politischen Rahmenbedingungen noch nicht so gut kannten. Auch die Veränderungen, die immer wieder eintreten, vor allem auf politischer Seite, müssen wir beachten – und dass nicht jeder mit jedem so gerne zusammenarbeitet, wie es auch in Deutschland der Fall ist. Unser Ansatz war immer, alle zusammenzubringen. Manchmal hat es mehr oder weniger funktioniert oder eben erst im zweiten Anlauf. Aber wir üben uns darin, und mit dem Action Committee, das wir geschaffen haben, haben wir dafür eine ganz gute Grundlage gelegt.

Die Herausforderung ist ganz klar, das Ganze weiterzuführen, nicht loszulassen, nicht nachzulassen – denn sonst besteht immer die Gefahr, dass es im Sande verläuft. Wobei wir mittlerweile an einem Punkt sind, an dem wir so viele Personen hier in Deutschland beziehungsweise in Baden-Württemberg an Bord haben, die enormes Engagement einbringen. Es ist also keine Kooperation mehr nur zwischen zwei Institutionen.

Teilnehmende einer Ausbilderschulung. Foto: HWK Region Stuttgart
Teilnehmende einer Ausbilderschulung. Foto: HWK Region Stuttgart

Wer sind eure maßgeblichen Unterstützer in dieser Kooperation?

Christian Binnig: Ich versuche, den Bogen zu spannen. Wie Anette und Jannik dargestellt haben, ist unser Ansatz: Wir müssen wirtschaftliche, politische und zivilgesellschaftliche Akteure zusammenbringen – von beiden Seiten –, um Bildungszusammenarbeitsprozesse angemessen einzurahmen und erfolgreich umzusetzen. Für uns ist es immer eine Herausforderung, Partner zu finden und zu sortieren, sowohl auf kosovarischer als auch auf deutscher Seite: Wo sind gemeinsame Interessen, wo können Partnerschaften dauerhaft und nachhaltig geknüpft werden?

Auf der deutschen Seite sind wir sehr viel mit politischen Stakeholdern im Gespräch und Austausch, die das Projekt unterstützen und flankieren. Dazu gehören auf Landesebene etwa das Staatsministerium und das Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg. Zusätzlich haben wir im Stuttgart Kosovo Action Committee das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung mit dabei sowie die Partner der GIZ als ausführendes Organ vor Ort – und natürlich auch Akteure wie den ZDH. Wir freuen uns, dass wir auf dich, Sophia, bei fachlichen Fragen immer wieder zukommen können. Das ist der politische Bereich auf deutscher Seite, flankiert durch wirtschaftliche Aktivitäten: unsere Unternehmen vor Ort, die Diaspora-Unternehmen, die für uns wirklich die Brücke zwischen beiden Welten schlagen, die Unternehmen im Kammerbezirk.

Und dann die kosovarische Seite: Hier binden wir als Handwerkskammer unsere Partnerorganisationen, unsere „Spiegelbilder”, ein – etwa die KCC, die Kosovo Chamber of Commerce, und die Kosovarisch-Deutsche Wirtschaftsvereinigung als Kammerstrukturen. Gerade im Bereich Capacity Building unterstützen wir uns gegenseitig und gehen in den Erfahrungsaustausch: Was funktioniert bei uns, was im Kosovo, wo sind gemeinsame Interessen, Fragen und Lösungen? Spiegelbildlich dazu gibt es Regierungsorganisationen im Kosovo: Wir konnten Kontakte zum Bildungsministerium und zum Wirtschaftsministerium schließen, insbesondere bei der Einführung der dualen Ausbildung – dazu sage ich gleich noch ein paar Worte. Das ist im Kosovo noch eine recht junge Pflanze, die wir mit zum Wachsen bringen wollen. Wir gehen dort auch auf lokale Verbände, Unternehmen, Schulträger und Gemeinden zu, um zu sehen, wo die Bedarfe der Schulen, der Unternehmen und der unterschiedlichen Partner liegen.

Es ist tatsächlich ein großer, bunter Blumenstrauß – und dieses junge Stuttgart Kosovo Action Committee ist unserer Erfahrung nach genau das Ökosystem, das es braucht, um Berufsbildungsthemen bedarfsorientiert und wirksam vor Ort zu planen, zu organisieren und umzusetzen – auch aufbauend auf unserer Expertise in Deutschland.

Du hattest angekündigt, zum Thema duale Berufsbildung noch etwas auszuführen – bitte schön.

Christian Binnig: Der Kosovo hat sich im Jahr 2021/22 – damals wurden, glaube ich, die ersten Profile eingeführt – der dualen Berufsbildung geöffnet, vor einem Markthintergrund, in dem eine aufstrebende kosovarische Wirtschaft, darunter nicht nur Industrieunternehmen, sondern auch viele Handwerksunternehmen, auf dem europäischen Markt ihre Güter und Dienstleistungen anbieten will. Dabei wurde den Partnern auf der kosovarischen Regierungsseite klar: Bildung ist ein ganz entscheidender Schlüssel, um Unternehmen konkurrenzfähig zu machen. Wenn Bildungsprozesse, Ausbildungsabschlüsse und Bildungsinhalte einem europäischen Niveau entsprechen, ist das relevant, um auf dem europäischen Markt mit den fertigen Produkten in der erforderlichen Qualität Fuß zu fassen. So hat sich die kosovarische Regierung entschieden, die duale Berufsbildung einzuführen – und das ist etwas, das sehr spannend zu beobachten ist.

Das deutsche duale Bildungssystem ist über die rund 800 Jahre, die wir zurückblicken, organisch gewachsen. Es ist faszinierend zu erleben, wie eine Gesellschaft Bildung am grünen Tisch neu denkt – ohne duale Vorgeschichte – und versucht, effizient zu übertragen und anzupassen, was funktioniert und was hilft, um die eigenen Unternehmen auf dem europäischen Markt zu stärken. Auch wir profitieren von dieser Zusammenarbeit, weil man anfängt zu hinterfragen: Warum machen wir das eigentlich schon immer so? Wo liegen vielleicht Vorteile einer pragmatischen, anderen Herangehensweise? Das ist auch für uns ein spannendes Lernfeld.

Der Kosovo hat mittlerweile 18 Berufsprofile auf duale Ausbildung umgestellt, orientiert am deutschen System, mit einer starken betrieblichen und einer berufsschulischen Komponente. Insbesondere bei der betrieblichen Komponente kommt das Projekt zum Tragen, das Jannik erwähnt hat: Bei der Einführung stellen Betriebe irgendwann die Frage: „Ich bilde jetzt aus – und wie geht das eigentlich?” Das wussten sie früher nicht. Da ist es für uns eine schöne Situation, in dieser Aufbauphase mit der Expertise mitzuwirken, die wir in der Handwerkskammer und in unserer eigenen Bildungsakademie in den letzten 45 Jahren aufgebaut haben: Erfahrungswissen, Strukturen, Prozesse. Und gleichzeitig stellen wir immer wieder fest: Die machen Dinge anders – und das hat seinen Grund. Das trägt vielleicht bei uns nicht, aber es trägt dort und funktioniert dort besser. Ein ganz aufregender Prozess.

Anette Groschupp: Darf ich noch eine Ergänzung machen? Es ist sehr interessant, die Diaspora-Unternehmen beziehungsweise die Diaspora insgesamt mit einzubeziehen, weil sie das Verständnis der dualen Ausbildung aus unserem Land kennen und es transportieren – und dafür werben – können. Ich glaube, genau daran muss gearbeitet werden: an der Bereitschaft der Betriebe, jungen Menschen Geld zu geben, sie auszubilden und als Ausbilder zur Verfügung zu stehen. Das ist eine gute Chance.

Jannik Clauß: Das ist der große Knackpunkt im Kosovo: Die Betriebe müssen an Bord. Aktuell ist die berufliche Ausbildung größtenteils schulisch – mit Ausnahme der 18 dualen Profile. Es geht also voran, und es gibt immer mehr Ausbildungsberufe im Kosovo, die dual durchgeführt werden. Nur das Problem ist immer: Wie kriege ich die Betriebe mit ins Boot? Die besten Vorbilder sind, wie Anette sagt, die deutsch-kosovarischen Unternehmen, die in Deutschland dual ausbilden, wissen, wie es läuft, ihren Bekannten im Kosovo erklären, wie es funktioniert – und sie überzeugen, dass sie selbst in die berufliche Ausbildung investieren müssen.

Ihr habt die Diaspora sozusagen als Ausbildungsbotschafter mit dabei. Setzt ihr bei den Dozenten auch Menschen mit diesem Hintergrund ein – etwa für die Schulungen?

Jannik Clauß: Genau, wir hatten einen kosovarischen Dozenten, der die erste Schulung auf Albanisch durchgeführt hat – das war uns sehr wichtig –, der selbst ausbildet und unser Material verwendet hat, das die HWK gemeinsam mit unserer Teil-4-Dozentin entwickelt hatte und das der kosovarische Dozent dann im Kosovo umgesetzt hat.

Lebt der kosovarische Dozent im Kosovo oder in Deutschland?

Jannik Clauß: In Deutschland. Er lebt in Deutschland und bildet hier dual aus – das ist wichtig, denn diese Expertise hat er gebraucht, um die Schulung durchzuführen.

Christian Binnig: Das war auch der Benefit für uns: Es war jemand aus einer Diaspora-Vereinigung, die hier in Deutschland tätig ist, der wirklich beide Welten kennt und in beiden agieren kann. Für die Umsetzung solcher Schulungen ist es hilfreich, wenn nicht eine fremde Organisation in einer fremden Sprache oder auf Englisch plötzlich vor Ort steht, sondern man auf Dozenten zurückgreifen kann, die diese Brücke schlagen.

Besuch in Ausbildungswerkstätten im Rahmen des Stuttgart Kosovo Action Committee. Foto: HWK Region Stuttgart
Besuch in Ausbildungswerkstätten im Rahmen des Stuttgart Kosovo Action Committee. Foto: HWK Region Stuttgart

Wie soll sich die Kooperation weiterentwickeln beziehungsweise in Zukunft gestaltet werden? Habt ihr da schon Ideen?

Christian Binnig: Das ist eine super Frage – und tatsächlich wechseln die Ideen im Tagesrhythmus, je mehr das Netzwerk wächst, das wir im Stuttgart Kosovo Action Committee versammeln. Wir sehen Berufsbildungszusammenarbeit nicht als isolierten Prozess oder Fragment, das in einem Projektkontext umgesetzt wird, bei dem man einen Haken dranmacht und es dann trägt. Es trägt dann, wenn es von den unterschiedlichen Akteuren vor Ort und hier getragen wird. Mit dem Stuttgart Kosovo Action Committee wollen wir den Grundstein für eine dauerhafte Vernetzung wirtschaftlicher, politischer, aber auch zivilgesellschaftlicher Bildungsakteure legen.

Unser Ziel ist zum einen, das Netzwerk personell zu vergrößern und die Bandbreite an Themen zu erweitern. Aktuell bearbeiten wir innerhalb des Netzwerks drei vernetzte Themenbereiche, die wir schon angedeutet haben: B2B, Bildung und Capacity Building. Bildungsprozesse geschehen nicht im isolierten Raum – es gibt wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen, und alles beeinflusst sich gegenseitig. Wir versuchen, weitere Partner zu gewinnen und die Bandbreite zu vergrößern. Ein Thema, das neu hinzukommt und uns zunehmend beschäftigt, ist das Empowerment von Frauen, gerade im ländlichen Raum, durch Integration in Bildungs- und Arbeitsprozesse – ein Thema, das den kosovarischen Kolleginnen und Kollegen sehr am Herzen liegt und bei dem wir gerne unterstützen.

Das Netzwerk ist für uns etwas, bei dem die HWK gerne einen Raum bietet, eine Plattform. Das heißt nicht, dass wir als HWK in jeder Kooperationsform der Akteure involviert sein müssen – aber diese Plattform zu bieten, um überhaupt in den Austausch zu kommen: Was sind drängende Fragen, unterschiedliche Interessen, was könnten gemeinsame Lösungen sein, und wie kann man sie gemeinschaftlich vorantreiben? Wir haben vorhin über organisches Wachstum gesprochen – genau das tun wir im Moment. Wohin das in der Zukunft führt, ist relativ offen, aber davon lebt das Netzwerk: Es gibt nicht das eine feste Ziel, das wir in fünf Jahren erreicht haben wollen, anders als in einem Projektkontext. Wir hören einander erst einmal zu, stellen Fragen und sehen, wo Kooperationsfelder sind und wie wir sie künftig angehen können. Das macht das Ganze sehr fluide, aber auch sehr flexibel – und das schätzen wir an diesem Netzwerk.

Anette Groschupp: Darf ich da kurz etwas einblenden? Das passt hier super dazu. Wir hatten heute Morgen unsere Sitzung, und dabei ging es auch um unsere Roadmap – denn für das, was in Zukunft kommt, haben wir uns natürlich auch schon Gedanken gemacht. Die Roadmap ist zwar auf Englisch, aber sie fasst sehr gut zusammen, wo wir hinwollen: Wir wollen die deutsch-kosovarischen Verbindungen stärken und gemeinsame Projekte vorantreiben – in den Bereichen B2B und Diaspora Engagement, natürlich im großen Bereich der dualen Ausbildung, aber auch bei den Expert Exchanges, also diesem Capacity Building: Wie können wir voneinander lernen? Was machen wir anders? Was machen die Kosovaren vielleicht sogar besser, weil sie andere Vorgaben in ihrem Ökosystem haben? Und klar, das Thema Women Empowerment steht ebenfalls sehr stark im Fokus. Da hoffen wir auf die positive Energie, weil es bei uns auch nicht immer so im Vordergrund schwebt.

Präsentationsfolie aus der Sitzung des Stuttgart Kosovo Action Committee. Bild: HWK Stuttgart
Präsentationsfolie aus der Sitzung des Stuttgart Kosovo Action Committee. Bild: HWK Stuttgart

Ganz ketzerisch gefragt: Ihr bietet einen Raum für die Kosovaren zum Zusammenarbeiten – könnte es euch nicht egal sein, wie sie das untereinander machen? Was ist das Interesse der Handwerkskammer Region Stuttgart an dieser Zusammenarbeit, welchen Nutzen zieht ihr daraus?

Christian Binnig: Auch hier gibt es vielfältige Aspekte. Zum einen funktioniert jede Form von Bildungskooperation – egal mit welchem Partner und wo – immer in zwei Richtungen: Man transferiert auf der einen Seite, bekommt aber auch etwas zurück. Man lernt gegenseitig voneinander. Auf die Bildungszusammenarbeit zugespitzt heißt das: Wir lernen gerade in diesem Prozess der Unterstützung der Implementierung der dualen Ausbildung im Kosovo, wie wir die Ausbildung hier vor Ort verbessern, verändern, neu gestalten und in vielen Aspekten modernisieren können. Das ist sozusagen ein kurzfristiger, bildungsspezifischer Quick Win.

Aber wenn wir das Ganze als Gesamtprozess sehen: Wir unterstützen damit auch unsere Betriebe. Wenn Betriebe fragen: „Warum engagiert ihr euch nicht vor Ort in Biberach oder Reutlingen, warum geht ihr in den Kosovo?”, dann sagen wir: In dem Moment, in dem wir durch Bildung dazu beitragen, die Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen vor Ort zu stärken, schaffen wir für unsere Unternehmen hier Möglichkeiten der Kooperation mit Unternehmen im Kosovo – Möglichkeiten, Zulieferer und Abnehmer für Produkte des Handwerks zu finden. Und wir schaffen Möglichkeiten für Betriebe, die sich erweitern oder vergrößern möchten und zum Beispiel darüber nachdenken, sich im Kosovo niederzulassen oder eine Produktionsstätte zu gründen. Bildung ist ein struktureller Faktor für Erwartungsverlässlichkeit: Wenn ich einen Standort im Kosovo aufmache, dann passt es nicht nur steuerlich oder bei der Produktionsstätte – ich kann dort auch qualifiziertes Personal gewinnen, nach einem Standard, den ich aus Deutschland kenne und jetzt auch dort vorfinde. Wenn wir uns als Kammer engagieren, dann engagieren wir uns damit auch und gerade für die Belange unserer Betriebe und für deren Interessen: bei der Kooperation, beim Finden von Kooperationspartnern vor Ort und dabei, den Kosovo zu einem attraktiven Ziel für deutsche Unternehmen zu machen, die Teile der Produktion oder Dienstleistung gerne im Ausland erbringen.

Anette Groschupp: Wir haben in Baden-Württemberg die Situation, dass wir ein sehr attraktives Land für die Zuwanderung von Fachkräften sind. Dabei stellen wir immer wieder fest, dass Qualifikationen aus dem Kosovo nicht so gut anerkennbar sind und Möglichkeiten der Zuwanderung dann nicht gegeben sind – Aufenthaltstitel können nicht genutzt werden, die für die Fachkräfte eine bessere Grundlage ihrer Tätigkeit hier sein könnten. Meistens können sie nur über die Westbalkan-Regelung kommen. Insofern tun wir mit dieser Arbeit auch etwas für die Fachkräftemobilität – wobei wir ganz eindeutig kein Interesse an Rekrutierungsprojekten im Kosovo haben. Das machen wir nicht. Aber wir nehmen sehr wohl wahr, dass im Kosovo ein sehr großes Interesse besteht, nach Deutschland zu kommen, hier zu arbeiten und die Ausbildung hier zu nutzen.

Im Gespräch

Anette Groschupp, Bild: HWK Region Stuttgart
Anette Groschupp, Bild: HWK Region Stuttgart

Anette Groschupp
Stv. Geschäftsführerin Unternehmensservice
Beratung und Fachkräfteanerkennung
Handwerkskammer Region Stuttgart

Jannik Clauß, Foto: HWK Region Stuttgart
Jannik Clauß, Foto: HWK Region Stuttgart

Jannik Clauß
Berater für internationale Bildungskooperationen
Handwerk International Baden-Württemberg

Christian Binnig, HWK Region Stuttgart
Christian Binnig, HWK Region Stuttgart

Christian Binnig
Teamleiter Überbetriebliche Ausbildung/Technische Weiterbildung
Bildungsakademie
Handwerkskammer Region Stuttgart

Impression aus dem Interview zum Stuttgart Kosovo Action Committee
Impression aus dem Interview zum Stuttgart Kosovo Action Committee
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