International Vocational Education & Training
Mitglieder-Login
Deutsch English
Change to Desktop view

KI in der beruflichen Bildung: Was internationale Zusammenarbeit für Handwerkskammern bringt

Im Interview spricht Dr. Maribel Illig, Geschäftsführerin des Berufsbildungszentrums der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld, über die Rolle internationaler Netzwerke in der beruflichen Bildung. Themen des Gesprächs sind die Mitgliedschaft im UNESCO-UNEVOC-Netzwerk, der Austausch zu aktuellen Herausforderungen wie technologischer Wandel und Nachhaltigkeit sowie die Anwendung von Künstlicher Intelligenz in der beruflichen Bildung und in der Weiterbildung von Berufsbildungspersonal.

Das Interview wurde am 5. Juni 2026 per Videokonferenz geführt. Das Interview steht auch als Video auf youtube bereit.

Portrait von Dr. Maribel Illig
Dr. Maribel Illig, Geschäftsführerin der Handwerkskammer und Leiterin des Berufsbildungszentrums der HWK Ostwestfalen Lippe zu Bielefeld. Quelle: HWK OWL

Die Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld ist seit 2024 Mitglied im UNESCO-UNEVOC-Netzwerk. Was ist das für ein Netzwerk und was sind seine Ziele?

Dr. Maribel Illig: Das UNESCO-UNEVOC-Netzwerk ist ein Netzwerk für die berufliche Bildung. Dort treffen sich sogenannte Exzellenzzentren oder Zentren der beruflichen Bildung. Das können vier verschiedene Kategorien sein: Behörden, Ministerien, Anbieter beruflicher Bildung oder auch Universitäten. Offen ist das Netzwerk für Mitglieder der Vereinten Nationen. Man wird angesprochen oder eingeladen, kann sich dann bewerben und wird aufgenommen. Ziel ist es, das Thema berufliche Bildung als Teil der Nachhaltigkeitsstrategie weiterzuentwickeln und sich zu internationalen Herausforderungen auszutauschen, die durch den großen technologischen Wandel überall ähnlich sind, damit wir gemeinsam besser werden.

Warum ist die Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld dem Netzwerk beigetreten?

Dr. Maribel Illig: Internationale Zusammenarbeit ist ganz grundsätzlich eine Aufgabe von Handwerkskammern in Deutschland, schon durch die Handwerksordnung festgelegt. Wir haben seit über 40 Jahren eine Kammerpartnerschaft mit zwei französischen Handwerkskammern. In der Vergangenheit haben wir viel im Bereich Azubi-Austausch gemacht, etwa mit Norwegen, mit Frankreich und auch mit anderen Ländern. Über Corona sind solche Aktivitäten etwas eingeschlafen. Daran arbeiten wir jetzt wieder.

Wir in Ostwestfalen-Lippe sind außerdem überzeugt, dass Netzwerken ein großer Teil des Erfolgs ist. Alleine schafft man nicht so viel wie im Team. Gerade die großen Themen, mit denen wir heute konfrontiert sind – technologischer Wandel, Green Transition –, haben einen großen Einfluss auf die berufliche Bildung. Deshalb ist es spannend, in Netzwerken zu arbeiten, nicht nur international, sondern auch vor Ort, und beides möglichst gut zusammenzubringen.

Wir haben außerdem ein Interesse daran, die berufliche Bildung in Deutschland weiter voranzubringen und für unsere Betriebe das Beste zu erreichen. Meine Aufgabe als Berufsbildungszentrum ist es, die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe zu erhöhen. Das geht aus unserer Sicht nur über eine hochwertige qualitative Aus-, Fort- und Weiterbildung.

Partnerinnen und Partner des Netzwerks auf einer UNESCO-Konferenz. Bild: HWK OWL
Partnerinnen und Partner des Netzwerks auf einer UNESCO-Konferenz. Bild: HWK OWL

Können Sie Beispiele nennen, was Sie von anderen Partnern in Ihrem internationalen Netzwerk gelernt haben?

Dr. Maribel Illig: Interessant ist, dass in anderen Ländern oft die gleichen oder sehr ähnliche Probleme bestehen. Wenn es darum geht, junge Leute im Unterricht zu erreichen, ist es schon bemerkenswert, wie ähnlich Generationen weltweit ticken. Wir fragen uns überall: Wie erreichen wir junge Menschen? Welche Möglichkeiten gibt es? Wie können wir Menschen im ländlichen Raum über E-Learning-Programme oder andere Formate erreichen, damit Regionen nicht abgehängt werden?

Gerade in der Karibik ist das ein großes Thema, weil es dort viele Inselstaaten gibt. Wir hören uns mit großem Interesse an, wie diese Länder solche Herausforderungen angehen, und überlegen, was wir davon bei uns umsetzen können. Dazu gehören auch Fragen wie: Wird KI bereits in den Unterricht integriert? Wie machen das andere? Wie wird das Thema Nachhaltigkeit in anderen Ländern vorangebracht?

In Deutschland ist das mit BNE, also beruflicher Bildung für nachhaltige Entwicklung, schon sehr strukturiert als Teil des Nationalen Aktionsplans. Man lernt viele kleine Dinge – und manchmal lernt man auch, sich selbst besser zu reflektieren und zu fragen, warum die eigenen Strukturen so sind, wie sie sind, und warum sie vielleicht auch gut so sind.

Im vergangenen Jahr haben Sie an einer Co-Action-Initiative zur Nutzung Künstlicher Intelligenz in der beruflichen Bildung teilgenommen. Wie ist dieses Projekt entstanden und welche Ziele verfolgte es?

Dr. Maribel Illig: Das ist eigentlich auf eine ganz interessante Weise entstanden. Kolleginnen aus Magdeburg vom UNESCO-UNEVOC Centre sprachen mich an, weil sie einen Expertenkongress zum Thema Künstliche Intelligenz hatten. Das ist dort einer der Schwerpunkte in der beruflichen Bildung. Sie fragten mich, ob ich einen Beitrag leisten wolle. Ich habe zunächst gesagt, dass wir noch nicht so weit seien, um dazu einen wirklich fundierten Beitrag zu leisten.

Danach habe ich aber darüber nachgedacht, was ich eigentlich brauche und was meine Lehrkräfte brauchen, um in diesem Bereich besser zu werden. Dann habe ich noch einmal zum Hörer gegriffen und vorgeschlagen, gemeinsam etwas zu machen: ein Online-Webinar, eine Selbstlerneinheit für den Einstieg in das Thema Künstliche Intelligenz. Viele Lehrkräfte sagten mir damals: Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Manche hatten Respekt vor dem Thema oder empfanden es als risikobehaftet und fanden keinen guten Zugang.

Daraus entstand die Idee, ein Angebot zu entwickeln, das international verfügbar, Open Source und auch dort nutzbar ist, wo keine große Internetbandbreite vorhanden ist. Wir wollten bewusst kein besonders aufwendig produziertes Webinar mit vielen Animationen machen, sondern ein einfaches, gut zugängliches Format. Es wurde mit LiaScript umgesetzt. Dazu haben wir unsere Partner aus Sri Lanka und Mauritius eingebunden und mit Lehrkräften in den verschiedenen Ländern gesprochen, um herauszufinden, wo die Hürden liegen.

Tatsächlich waren die Hemmnisse in allen drei Ländern – Deutschland, Sri Lanka und Mauritius – sehr ähnlich. Einige Lehrkräfte waren schon weit vorne und sagten: Das ist für mich selbstverständlich. Andere sagten: Ich finde einfach keinen Einstieg und habe das Gefühl, meine Teilnehmenden überholen mich. Daraus haben wir ein Webinar entwickelt, das jetzt online zur Verfügung steht und von allen genutzt werden kann. Es soll Lehrkräften in der beruflichen Bildung einen einfachen Zugang zum Thema KI ermöglichen.

Workshop zur Nutzung künstlicher Intelligenz für Lehrkräfte in Sri Lanka. Bild: HWK OWL
Workshop zur Nutzung künstlicher Intelligenz für Lehrkräfte in Sri Lanka. Bild: HWK OWL

Wie ist dieser Online-Kurs aufgebaut?

Dr. Maribel Illig: Der Kurs ist an einem praktischen Beispiel orientiert. Man begleitet eine Lehrkraft aus der Elektrotechnik auf ihrem Weg, Künstliche Intelligenz kennenzulernen und zu überlegen, wie sie KI einsetzen kann. So wird das Thema möglichst praxisnah vermittelt.

Wie kann eine Lehrkraft KI konkret einsetzen? Haben Sie Beispiele?

Dr. Maribel Illig: Das ist sehr unterschiedlich. In der beruflichen Bildung muss man zwei Ebenen betrachten. Zum einen den eigentlichen Arbeitsprozess, denn wir unterrichten handlungsorientiert. Das heißt, wir schauen uns an, wie die Arbeitsprozesse in den jeweiligen Gewerken aussehen. Je nach Gewerk spielt KI dabei eine unterschiedliche Rolle.

Wenn ich zum Beispiel an die Feinwerkmechanik denke, dann gehört das Thema Predictive Maintenance dazu, etwa wenn ein Maschinenpark vorhanden ist. Dann kann man mit Anbietern von CNC-Maschinen sprechen und fragen, ob sie eine Softwareoberfläche oder Projektdaten bereitstellen können. So etwas kann in den Unterricht integriert werden, etwa indem ein Prompt für eine KI genutzt wird, die Maschinendaten auswertet. Das ist die Ebene des Arbeitsprozesses.

Die zweite Ebene ist die Frage, wie ich meinen Unterricht vereinfachen oder verbessern kann. Wie kann ich meine Unterrichtsvorbereitung mit KI anreichern? Und die dritte Ebene ist: Welche KI ist überhaupt sinnvoll? Das kann man am besten ausprobieren. Dabei merkt man zum Beispiel, dass ChatGPT nicht unbedingt das beste Werkzeug ist, wenn es um sehr feinwerkmechanische Antworten geht.

Wichtig ist deshalb, die Antworten von KI reflektieren und bewerten zu können. KI formuliert oft sehr überzeugend, kann aber trotzdem falsche Inhalte liefern. Teilnehmende müssen lernen, Ergebnisse kritisch einzuordnen. Denn am Ende des Tages stehen sie in der Prüfung ohne KI da und müssen die Inhalte verstanden haben. Es ist ein weiteres Werkzeug, das sinnvoll genutzt werden kann – aber die Bewertung der Ergebnisse ist entscheidend.

In welchen Sprachen ist der Online-Kurs verfügbar?

Dr. Maribel Illig: Der Kurs ist auf Englisch verfügbar. Da er browserbasiert ist, funktioniert die Übersetzung mit Google Translate aber gut. In Deutschland haben unsere Lehrkräfte den Lehrgang zum Beispiel einfach mit Google Translate genutzt. Das funktioniert in Sri Lanka genauso gut.

Wie können andere Akteure von dieser Arbeit profitieren?

Dr. Maribel Illig: Indem sie das Angebot ihren Lehrkräften zur Verfügung stellen. Das ist besonders wichtig, wenn man auf Entwicklungsländer schaut. Dort sollte man Lehrkräfte unterstützen, die oft nicht über dieselbe Ausstattung verfügen wie wir in Deutschland. Gleichzeitig sind sie genauso motiviert. Meiner Erfahrung nach sind das Lehrkräfte mit genauso viel Engagement und Leidenschaft, die jungen Menschen etwas beibringen wollen.

Für sie kann das Angebot eine Hilfe sein, um einen Zugang zum Thema zu finden, KI sinnvoll einzusetzen und weitere Inhalte oder Verlinkungen zu entdecken, auf die sie ohne Paywall zugreifen können.

Ist das Angebot auch für Berufsschullehrkräfte und betriebliche Ausbilderinnen und Ausbilder nutzbar?

Dr. Maribel Illig: Ja, auf jeden Fall. Gerade wir als ÜBS, also als überbetriebliche Bildungsstätte, sind ja die verlängerte Werkbank des Betriebs und ein Teil der betrieblichen Ausbildung. Deshalb passt das Angebot sehr gut auch für betriebliche Ausbilderinnen und Ausbilder.

Für Berufsschullehrkräfte gibt es in Deutschland zwar schon relativ viele Angebote, oft mit stärkerem pädagogischem Fokus. Aber der betriebliche Fokus ist noch nicht so gut abgedeckt. Dafür ist dieses Angebot aus meiner Sicht ein guter Einstieg.

Arbeitsmittagessen im Rahmen der Co-Action Initiative. Bild: HWK OWL
Arbeitsmittagessen im Rahmen der Co-Action Initiative. Bild: HWK OWL

Haben Sie schon Ideen für künftige Kooperationsprojekte oder Austausche mit anderen Partnern im UNESCO-UNEVOC-Netzwerk?

Dr. Maribel Illig: Ideen gibt es schon, aber noch nichts, was wirklich spruchreif wäre. Man muss immer schauen, was passt und wie es sich in unsere eigentliche Arbeit integrieren lässt. Netzwerkarbeit ist nur begrenzt planbar, und genau das ist auch das Schöne daran. Es ergeben sich Einladungen zu Konferenzen, man lernt neue Menschen kennen, und daraus entstehen manchmal neue Projekte.

So habe ich zum Beispiel in Seoul auf einer Konferenz einen Kollegen aus der Schweiz kennengelernt, mit dem ich jetzt im Austausch bin. Wir prüfen derzeit, ob wir einen Azubi-Austausch zwischen der Schweiz und uns auf den Weg bringen können. In der Schweiz gibt es aus meiner Sicht ein sehr spannendes Programm, bei dem Lehrkräfte gemeinsam im Vorfeld ein Projekt definieren und die Schülerinnen und Schüler beziehungsweise Teilnehmenden dieses Projekt gemeinsam bearbeiten.

Das ist ein anderer Ansatz, den ich sehr interessant finde, gerade weil Erasmus mit der Schweiz leider nicht funktioniert. Im Moment schauen wir, ob wir gemeinsam etwas auf die Beine stellen können und ob sich dafür eine Förderung finden lässt. Das wäre natürlich eine tolle Sache. So entstehen Projekte manchmal ganz unerwartet.

Weiterführende Links

ASSET: AI for Skills, Sustainability and Training: Der im Interview erwähnte Onlinekurs.
Skills for work and life | UNEVOC International Centre for TVET: Weitere Informationen zum UNEVOC-Netzwerk und seinen Arbeitsergebnissen
Ich stimme der Verwendung von Cookies zu. Informationen über Cookies und Ihre Rechte erhalten Sie im Datenschutzhinweis.