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Berufsbildungspartnerschaft mit Sambia: So stärken wir Fundamente für eine praxisorientierte Ausbildung im Baubereich

Seit 2017 unterhält die Handwerkskammer Frankfurt Rhein-Main ein Projekt der Berufsbildungspartnerschaft mit der Association of Building and Civil Engineering Contractors (ABCEC) in Sambia.

Erik Ruh, EZ-Scout bei der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, berichtet über die Zusammenarbeit. Er erläutert, was im Projekt bisher erreicht wurde und welche Auswirkungen Corona auf die Berufsbildungspartnerschaft hat.

Berufliche Bildung ist ein wirksames Instrument gegen Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel, darüber hinaus auch eine wichtige Voraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit von Betrieben. Welche Bedeutung haben das Handwerk und handwerkliche Berufsbildung im Partnerland Ihres Projekts?

Dem derzeitigen Ausbildungssystem in Sambia gelingt es nur unzureichend, qualifizierte Absolventen in die Industrie zu vermitteln, die unmittelbar oder nach geringer Einarbeitungszeit eingesetzt werden könnten. Einen entscheidenden Beitrag, das zu ändern und eine stärkere Praxis- und Bedarfsorientierung in der beruflichen Bildung zu etablieren, kann handwerkliche Berufsausbildung leisten.

Wie ist das Projekt entstanden und welche Ziele verfolgt es?

Die Handwerkskammer Frankfurt-Rhein Main hatte bereits ein anderes Projekt zur Kammer- und Verbandspartnerschaft in Sambia durchgeführt. Die ABCEC war darauf aufmerksam geworden und ist an uns herangetreten, um eine Kooperation zu initiieren.

Als Pilotprojekt wird eine duale Berufsausbildung in den Bereichen Elektrik sowie Betonbau durchgeführt. Diese Maßnahme zielt darauf ab, die Qualifikation und Beschäftigungsfähigkeit von Berufsbildungsabsolventen in den ausgewählten Bauberufen verbessern. Dabei soll die Industrie wieder aktiver in die Berufsausbildung in Sambia einbezogen und die Ausbildung so relevanter gestalten werden.

Azubi am Ausbildungsstandort Lusaka Foto: HWK Rhein-Main

Was sind die wichtigsten bisherigen Ergebnisse des Projektes?

Auf der Basis der bestehenden, oft guten und brauchbaren Einzelbausteine im sambischen Ausbildungssystem wurde ein duales Ausbildungsangebot konzipiert. Dieses Programm ist durch das deutsche duale Ausbildungssystem inspiriert und wird den sambischen Realitäten und Gegebenheiten angepasst. Dadurch sind unter anderem folgende Ergebnisse entstanden:

  • Trainingsprogramme in ausgewählten Bauberufen sind erstellt worden in enger Zusammenarbeit mit den beteiligten Akteuren (Association of Building and Civil Engineering Contractors, nationale TVET-Behörde)
  • Ausbilder, Berufsschullehrer und Ausbildungsleiter in der Industrie sind trainiert worden
    Dafür entsandten die Unternehmen entsendeten ihre MitarbeiterInnen und Auszubildenden zu den Trainingseinheiten am Ausbildungsstandort.
  • Methodisch-didaktische Lernhilfen sowie ausgewählte Ausrüstungsgegenstände sind gemäß den Anforderungen der überarbeiteten Curricula verbessert worden

2018 wurde das Projekt von der deutschen Botschaft für eine Besichtigung durch BM Dr. Müller ausgewählt. Dieser machte sich im Januar 2019 vor Ort ein umfangreiches Bild und zeigte sich von den erzielten Ergebnissen sehr beindruckt.

Maurerlehrgang: BM Müller bei der Besichtigung der Ausbildungsstätte in Lusaka (Sambia) Foto: HWK Rhein-Main

Welche Erfahrungen haben Sie im Projekt mit den SCIVET-Instrumenten gemacht?

Die Instrumente sind bei der Projektweiterentwicklung sehr hilfreich gewesen – bei der Projektkonzeption standen sie noch nicht zur Verfügung.

Von wichtiger Bedeutung für das Projekt war insbesondere der dritte Standard, der sich mit der Verzahnung der Lernorte Betrieb und Schule beschäftigt. Er bringt zum Ausdruck, worauf bei der Setzung der Inhalte der Partnerschaft zu achten ist.

Für die Planung der zweiten Projektphase waren die Informationen über Ablauf, Zwischenziele, Fristen und die nötigen Ressourcen hilfreich. Insbesondere dort, wo es um die Frage ging, was getan werden kann, damit sich der ausländische Partner mit dem Projekt identifiziert und wo mögliche Stolpersteine zu erwarten sind.

Welche Hürden haben Sie im Rahmen der Projektarbeit bereits bewältigt und welchen Herausforderungen sehen Sie sich noch gegenüber?

Es ist uns gelungen, bei den beteiligten Verbänden und Unternehmen ein Bewusstsein für die Bedeutung von Aus- und Weiterbildung zu schaffen und die Verbände heranzuführen an ihre Rolle, in einer Kooperation mit Berufsschulen und staatlichen Stellen aktiv zu werden.

Jetzt, anderthalb Jahre vor Projektende, liegt der Fokus insbesondere darauf, wie die Ergebnisse des Projektes langfristig Bestand haben. Es geht darum, eine Verstetigung zu erzielen und die Nachhaltigkeit des eingeschlagenen Weges weiter zu verbessern.

Bundesminister Müller im Gespräch mit dem Langzeit-Experten der HWK Sven Buchholz Foto: HWK Rhein-Main

Umweltschutz sowie soziale und wirtschaftliche Nachhaltigkeit sind für das Handwerk wichtige Themen. Welche Rolle spielen die Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit im Projekt?

Es kommen vermehrt deutsche Handwerksmeister und -meisterinnen in dem Projekt zum Einsatz, für die die Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit einerseits zum Standardrepertoire ihrer EZ- bzw. IBZ-Einsätze gehören und andererseits auch eigenes Anliegen sind. So werden diese Themen quasi automatisch auch im Projekt immer mitgedacht und wirksam verankert.

Welche Auswirkungen hat Corona auf das Projekt? Wie gehen Sie damit um?

Dienstreisen von Mitarbeitern der Kammer und Kurzzeitexperten sind gegenwärtig nicht möglich. In dieser Situation erweist es sich als enorm hilfreich, dass das Projekt mit einem Langzeitexperten operiert, der in Sambia verblieben ist und mit Hilfe von lokalen Kräften das Projekt weiter steuert. Darüber hinaus werden digitale Formate eingesetzt, z.B. Lehrfilme, die komplementäres Wissen zu den Trainingsinhalten vermitteln.

Maurertraining in der Hauptstadt: Sambische Azubis beim Erstellen von Sichtmauerwerk Foto: HWK Rhein-Main

In welche Richtung kann das aktuelle Projekt weiterentwickelt werden und wie könnte die Zusammenarbeit zukünftig gestaltet werden?

In der Endphase des Projekts (phasing out) steht die Konsolidierung im Vordergrund. Eine weitere Zusammenarbeit ohne finanzielle Mittel wird dabei angestrebt, auch wenn dies ohne Vor-Ort-Kontakt schwierig werden kann. Darüber hinaus kommt es darauf an, den vertrauensvollen, partnerschaftlichen Austausch auch über die Projektzusammenarbeit hinaus beizubehalten.

Welche Interessen hat Ihre Organisation an dieser Zusammenarbeit? Welchen Nutzen ziehen Sie daraus?

Sambia zeichnet sich als ein Land mit politischer Stabilität und marktwirtschaftlicher Orientierung aus. Es bietet ein marktorientiertes, wirtschaftliches Umfeld zur Nutzung vorhandener Ressourcen für Wirtschaftswachstum und sozioökonomische Entwicklung. Ein solches Umfeld ist auch für international agierende, größere Handwerksunternehmen – und damit auch für kammer-Mitgliedsunternehmen – interessant. Daher übernimmt die Kammer hier eine Vorreiterrolle für die Betriebe.

Darüber hinaus leistet die Kammer durch Einbringen ihrer Expertise einen Beitrag zur Verbreitung und weltweiten Stärkung des dualen Ausbildungssystems, wovon auch unser Land mittel- bis langfristig erheblich profitieren wird.

Erik Ruh
EZ-Scout

Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main

 

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