Sophia Grunert: Heinz, die Bauverbände NRW arbeiten ja schon seit Längerem mit Partnern in Äthiopien zusammen – auch schon bevor ihr die jetzige Berufsbildungspartnerschaft gestartet habt.
Bitte beschreibe kurz, wie eure Kontakte und die jetzige Kooperation entstanden sind.
Heinz Rittmann: Wie du schon richtig gesagt hast: Wir sind seit Längerem in Äthiopien – das war auch unser erstes Land in Afrika. Seit 2000 sind wir dort aktiv. Vor dem Hintergrund haben wir uns im Laufe der Zeit entsprechende Kontakte und auch Freundschaften aufgebaut.
In der Vergangenheit hatten wir das Thema Joint Ventures in der Bearbeitung. Das war nie eine „Massenbewegung“, aber es gab einige Betriebe, die mitgemacht haben. Dann zog – Gott sei Dank – in Deutschland die Baukonjunktur sehr stark an. Und die wenigen Betriebe haben dann letztlich gesagt: „Heinz, besten Dank, aber wir brauchen jeden Mann in Deutschland.“ Vor dem Hintergrund hat man das Thema Joint Ventures zumindest temporär erst einmal zurückgestellt.
Dann kam das Fachkräfteeinwanderungsgesetz. Wir haben überlegt, welche Möglichkeiten sich dadurch eröffnen, und sind relativ schnell zu dem Schluss gekommen: Das geht im Bau am besten über Auszubildende. Wir haben dann in Äthiopien einen Workshop gemacht und die Teilnehmenden gefragt, wer Interesse an einer Ausbildung hätte – und da kam Zustimmung. Wir hatten auch eine Veranstaltung in Dortmund mit Bauunternehmern; da war auch niemand dabei, der uns „von der Bühne geholt“ hat. So sind wir gestartet.
In welchen Ländern seid ihr jetzt mit der Gewinnung von Auszubildenden aktiv und welche Erfolge hattet ihr schon?
Heinz Rittmann:Inzwischen haben wir neben Äthiopien auch Mosambik, Ghana und Senegal als weitere Länder. Der Flaschenhals in der Vorbereitung sind die Deutschkurse: Deutschkurse sind vor Ort nicht sehr häufig anzutreffen. Insgesamt haben wir bis letztes Jahr 65 Personen geholt. Einer musste zurückgeschickt werden – das lief überhaupt nicht. Vier, fünf Fälle sind etwas arbeitsintensiver, sagen wir mal so. Aber: Inzwischen haben neben Negasa auch drei weitere die Prüfung machen dürfen und bestanden. Wir gehen davon aus, dass im Sommer die nächsten wieder kommen.
Wie ist die berufliche Bildung in Äthiopien aktuell aufgestellt?
Heinz Rittmann: Unsere Berufsbildungspartnerschaft in Äthiopien ist ein ganz interessantes Thema: In Äthiopien existiert auf dem Papier auch eine duale Ausbildung, mit 75 % Praxisanteil und 25 % Theorie. Aber der Privatsektor ist in diese duale Ausbildung nicht eingebunden. Das heißt: Die Unternehmen sind eigentlich komplett draußen. Sehr viele Entwicklungshilfeprojekte wurden seit Mitte der 90er-Jahre in dem Bereich duale Ausbildung – unabhängig vom Sektor – initiiert und durchgeführt. Wenn man dann heute guckt, was dabei herausgekommen ist, kann man das zumindest mit einem Fragezeichen versehen.
Was habt ihr schon im Rahmen eurer Berufsbildungspartnerschaft erreicht und was habt ihr noch vor?
Heinz Rittmann: Wir haben ein kleines Projekt, aber wir haben schon ein paar große Punkte bewirkt. Erstens: Die Bauverbände aus Äthiopien haben sich darauf geeinigt, dass sie in Zukunft eine Ausbildungsvergütung zahlen wollen. Zweitens: Sie haben beschlossen, dass alle Bauunternehmen in Äthiopien eine Ausbildungsumlage in einen Ausbildungsfonds einzahlen sollen. Drittens: Wir haben uns auf zwei Curricula geeinigt, die es bis dato in Äthiopien so nicht gab – Rohrleitungsbau und Kanalbau.
Heinz Rittmann: Natürlich müssen wir dann noch die staatliche Prozedur durchlaufen, das heißt: Der Staat muss die entsprechenden Verordnungen und Gesetze erlassen, damit unsere Vorschläge auch eingesetzt bzw. umgesetzt werden. Unser Ziel ist es, wenn es uns gelingt, wirklich eine duale Ausbildung mit gravierender Einbindung des Privatsektors zu etablieren, dass wir dann vielleicht auch wieder zusätzliche Erwerbsmigrationswege erschließen. Das wäre natürlich genial: Dann hätte der äthiopische Bausektor in Äthiopien etwas von der ganzen Sache – und wir hätten vielleicht eine weitere Möglichkeit, Auszubildende und/oder erfahrene Facharbeiter nach Deutschland zu holen.
Sophia Grunert: Genau, aber bisher läuft das noch so, dass ihr erst einmal Auszubildende holt.